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Wiederaufstieg nach sechs Jahren: Rottenburg geht „all in“ zurück ins Oberhaus

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Der August hat begonnen und es ist kein August wie jeder andere. Für den TV Rottenburg ist es die vielleicht wichtigste Vorbereitung der vergangenen Jahre. Als sich die Mannschaft nach Wochen individueller Arbeit am Monatsbeginn erstmals versammelt, formuliert Cheftrainer Jan Scheuermann keine komplizierten taktischen Vorgaben. Seine erste Botschaft an die Mannschaft ist eine Haltung.

„Jeder im Team muss verstehen, was er jetzt hier für eine Chance hat“, sagt der 28-Jährige, der seit sieben Jahren beim TVR in unterschiedlichen Positionen an der Seitenlinie steht. „Da erwarte ich von jedem einfach volles Commitment, die Bereitschaft zu leiden, dann auch alles zu investieren, sich weiterzuentwickeln und ja, all in zu gehen.“ Das sei nicht nur Aufgabe der Mannschaft, auch Manager Timo Hensler und der Gesamtverein, dessen Geschicke durch Geschäftsführer Norbert Vollmer geleitet werden, haben sich dazu bekannt.

„Wir sind schon im vollen Gange, keine Sorge“, sagt Zuspieler Milan Kvržić und grinst. Es ist ein kurzer Schlagabtausch, der viel über den TV Rottenburg erzählt. Über einen Verein, der nach sechs Jahren Abstinenz in die Volleyball Bundesliga zurückkehrt. Und über zwei Gesichter dieser Rückkehr: den jungen Trainer, der mit dem Verein gewachsen ist, und den Rottenburger Jungen, der zurückkam, um genau diesen Traum Wirklichkeit werden zu lassen.

Kvržić: „Wenn er sagt, spiel den Ball auf die Vier, dann spiele ich auf die Vier“

Dabei geht es zwischen Scheuermann und Kvržić nicht um große Gesten, sondern um Vertrauen. „Wenn Jan mir sagt, spiele diesen Ball auf die Vier, dann spiele ich diesen Ball auf die Vier“, sagt Kvržić. „Und wenn ich ihm sage, mein Körper kann gerade nicht, dann vertraut er mir auch.“ Dieses gegenseitige Vertrauen sei für ihn der wichtigste Baustein. „Damit werden wir erfolgreich sein“, ist sich der junge Zuspieler, der im Mai gerade einmal 22 Jahre alt geworden ist, sicher.

Mit acht Jahren begann Kvržić beim TV Rottenburg Volleyball zu spielen. Er gewann mit der U16 die deutsche Meisterschaft, wechselte später ins Internat nach Friedrichshafen, sammelte Bundesliga-Erfahrung in Karlsruhe und dann beim VfB Friedrichshafen. Als er im vergangenen Sommer zum TVR zurückkehrte, wählte er diesen Weg nicht, weil Rottenburg Erstligist, sondern obwohl der Verein damals noch Zweitligist war.

„Wenn Rottenburg in der zweiten Liga geblieben wäre, dann wäre ich auch geblieben“, sagt er. „Dann hätten wir es nächstes Jahr eben nochmal versucht.“ Bereits mit seinem Wechsel sah Kvržić eine Perspektive und war bereit, darin zu investieren. „Wenn ich es mit einem Verein in die erste Liga schaffe, dann mit Rottenburg.“


Mit einer "all in"-Mentalität kehrt der TV Rottenburg in die 1. Bundesliga Männer zurück.
(Foto: Jasmina Frauendorf)

Scheuermann: „Man wächst mit seinen Aufgaben“

Erst vor wenigen Tagen machte der TVR das öffentlich, womit eigentlich alle gerechnet hatten: Scheuermann bleibt Trainer der Erstligamannschaft. Es ist seine erste Saison als Chefcoach in der höchsten deutschen Spielklasse.

2019 hatte er als Trainer der U12 und U14 begonnen. Es folgten Jugendmannschaften, später die dritte Mannschaft. Nach dem Rückzug des Vereins aus der Bundesliga übernahm er die erste Mannschaft in der 3. Liga mit Anfang zwanzig. Seitdem begleitet er jeden Schritt des Wiederaufbaus: den Aufstieg in die 2. Bundesliga, die Entwicklung zu einem Spitzenteam und nun den Sprung zurück ins Oberhaus. „Irgendwie ist man immer mit seinen Aufgaben gewachsen“, sagt der gebürtige Heidelberger.

Heute steht der 28-Jährige vor der größten Herausforderung seiner bisherigen Trainerlaufbahn. Angst klingt dabei nicht mit, wenn man ihn über die anstehenden Herausforderungen sprechen hört. Doch der Respekt ist groß, niemand im Verein glaubt, die Bundesliga im Vorbeigehen zu meistern.

„Wir sind neu“, sagt Scheuermann. „Wir müssen uns an das Niveau anpassen.“ Und das vor allem im athletischen Bereich. Der Abstand im Spielerischen sei gar nicht der entscheidende Faktor. Größer sei der athletische Sprung. Kvržić bestätigt diese Einschätzung sofort. In der 2. Bundesliga habe man sich in manchen Spielen kleine Reserven leisten können, meint der Passgeber. „In der 1. Bundesliga geht das nicht mehr. Jeder Sprung muss voll sein. Jeder Angriff muss voll sein. Sonst bekommt man das zehnmal zurück.“

Der Weg zurück ins Oberhaus

Dass Rottenburg heute überhaupt wieder über Bundesliga spricht, war lange keineswegs sicher. Als der Verein 2020 aus wirtschaftlichen Gründen freiwillig den Rückzug antrat, begann ein kompletter Neuaufbau. Statt schneller Rückkehr lautete die Devise: erst Strukturen schaffen, dann träumen. „Es war nie das übergeordnete Ziel, unbedingt aufzusteigen“, sagt Manager Timo Hensler. Vielmehr sollte der sportliche Erfolg irgendwann die logische Konsequenz guter Arbeit werden.

Erst als Rottenburg im vergangenen Winter sportlich Kurs auf die Spitze nahm, begannen intern die konkreten Gespräche. Parallel zum Kampf um die Meisterschaft wurden Finanzpläne gerechnet, Sponsoren gesucht und Organisationsstrukturen geprüft. Der Verein definierte klare wirtschaftliche Bedingungen, unter denen ein Aufstieg überhaupt infrage kommt. Die endgültige Entscheidung fiel dann vor dem Playoff-Halbfinale gegen Schüttorf. Selbst im Falle einer Niederlage würde Rottenburg den Aufstiegsplatz annehmen, den man sich mit dem Einzug in die Vorschlussrunde erspielt hatte.


Die Heimspiele in der Volksbank-Arena in Rottenburg waren bereits in der 2. Bundesliga Süd überdurchschnittlich gut besucht.
(Foto: Jasmina Frauendorf)

Hensler: „Es steht nichts extrem im Weg“

„Mir wird immer gesagt, ich sei zu positiv. Aber ich glaube, wenn man es ruhig benennt, dann war es nahezu ein kleines Wunder“, sagt Hensler rückblickend. Denn während sportlich vieles bereits passte, musste organisatorisch innerhalb weniger Monate nahezu alles auf Erstliga-Niveau gebracht werden.

Neue Wohnungen für Spieler. Visa. Sitzplatznummerierung. Dauerkarten. Professionellere Abläufe. Und vor allem zusätzliche finanzielle Mittel. „Es gibt keinen Punkt, der uns am Ende extrem im Wege steht. Es gibt aber viele kleine Herausforderungen, die wir gerade bewältigen müssen, um diesen ersten Schritt zu machen, also jetzt wieder 1. Bundesliga spielen zu können“, so Hensler weiter.

Dass der Verein diesen Kraftakt stemmen kann und konnte, liegt auch an etwas, das sich in Zahlen kaum ausdrücken lässt. Denn Rottenburg hat seine Volleyball-Begeisterung nie verloren. Während andernorts ein freiwilliger Rückzug oft das Ende einer Euphorie bedeutet, blieb die Fanbasis erhalten. Mehr als 1.400 Zuschauende kamen bereits in der vergangenen Zweitliga-Saison zu Spitzenspielen. „1. Bundesliga für so eine kleine Stadt. Das ist ein Traum, was hier stattfindet. Und das begreifen dann viele als ihr Ding und identifizieren sich sehr stark damit“, sagt Geschäftsführer Norbert Vollmer.

Der Verein kommunizierte offen zu Finanzen, Zielen und Risiken. Viele Unterstützer fühlten sich dadurch nicht als Zuschauer, sondern als Teil des Projekts.  Hinzu kommt ein weiterer Unterschied zur ersten Bundesliga-Zeit. Die Spiele können in der Heimat ausgetragen werden.
 

Echte Heimspiele in der neuen Erstligasaison

„Bei unserem ersten Aufstieg kamen wir aus einer sehr alten Halle, die zwar viel Atmosphäre hatte, aber alles andere als erstligatauglich war. Und damals gab es nur die Option, nach Tübingen zu gehen und dort zu spielen. Inzwischen ist in Rottenburg diese alte Halle neu gebaut worden und es ist uns gelungen, dass sie den Anforderungen an die 1. Bundesliga entspricht“, berichtet Vollmer, der seit 25 Jahren Geschäftsführer des Stammvereins ist.  

Die modernisierte Volksbank-Arena steht mitten in der eigenen Stadt. „Man kann im Zweifel herlaufen oder mit dem Fahrrad kommen“, beschreibt Vollmer das Besondere daran. Für eine kleine Stadt sei Erstliga-Volleyball in der eigenen Halle „ein Traum“. Und nicht nur das Umfeld in Rottenburg gibt positive Signale, auch die Bundesliga-Familie freut sich auf Rottenburgs Rückkehr. „Rottenburg hat mit zwölf Jahren 1. Bundesliga am Stück eine Wahnsinnshistorie. Ich selber durfte das spüren, oder als ich dann zum ersten Mal bei der Bundesliga-Versammlung war und eigentlich alle zu mir sagten: ‚Schön, Rottenburg auch wieder hier.‘ Und ich glaube, da war es für mich dann langsam greifbar“, sagt Hensler.

Kim Oszvald-Renkema, Geschäftsführerin der Volleyball Bundesliga (VBL), bekräftigt den Gedanken: „Wir waren über all die Jahre im engen Austausch mit den Verantwortlichen beim TVR. Wir haben immer daran geglaubt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis Rottenburg wieder ganz oben mitspielt. Es freut mich sehr, dass der Verein den Aufstieg nun angeht.“



Der bisherige Kapitän Timon Schippmann wechselt nun vom Feld in das Trainerteam. (Foto: Jasmina Frauendorf)


Mit alten und neuen Kräften zum Erfolg

Ein sportlicher Aufstieg bedeutet auch immer neue Anforderungen an den Kader. Viele Stammspieler wie Kvržić gehen den Weg mit, Kapitän Timon Schippmann beendet hingegen seine aktive Karriere und wechselt ins Trainerteam. Mit Libero Mika Ahmann aus Karlsruhe und Außenangreifer Erik Brand, der Verantwortung auf der Diagonalposition übernehmen soll, kommen erstligaerfahrene Spieler. Drei Profis aus dem Ausland ergänzen den Kader. „Natürlich haben wir geschaut, welche Qualitäten unserem Kader fehlen und sind dann mit einer sehr klaren Vorstellung an die Spieler herangetreten“, erzählt Scheuermann.

Und obwohl der TVR mit der Personalplanung erst verhältnismäßig spät begann, konnte der Verein Wunschspieler für sich gewinnen. Hensler glaubt an den guten Ruf seines TVR: „Ich glaube, wir können mit unserem Standort, mit dem, was wir schon geleistet haben und was sich da rumspricht – und Spieler sprechen – Argumente liefern. Rottenburg ist dafür bekannt, dass wir viel für unsere Spieler tun, dass wir ein familiäres Umfeld und gute Bedingungen haben.“


Kvržić will noch mehr Verantwortung übernehmen

Es ist ein Gefühl von Heimat, das auch Kvržić verkörpert. In der vergangenen Saison übernahm er erstmals eine echte Führungsrolle. Nicht mehr nur als talentierter Zuspieler, sondern als einer der Köpfe der Mannschaft. „Ich will mit gutem Beispiel vorangehen und die Jungs mitreißen“, sagt er nun mit Blick auf die neue Spielzeit.

Dabei trifft er auf einen Trainer, der ähnlich denkt. Scheuermann fordert Leistung, aber ebenso Verantwortung. Vertrauen ist für beide keine Floskel, sondern Arbeitsgrundlage. Der TV Rottenburg kehrt in eine Liga zurück, die sich seit dem Rückzug stark verändert hat. Doch der Verein versucht nicht, jemand anderes zu sein. Er setzt weiterhin auf junge Trainer, auf Spieler mit regionalem Bezug, auf nachhaltige Entwicklung und auf eine Kultur, die Menschen langfristig bindet.

Als zum Abschluss die Frage gestellt wird, wo sich Rottenburg selbst einordnet – Neuling, Wiederkehrer oder alter Hase –, fällt die Antwort vielschichtig aus. „Der Name, der Verein ist in gewisser Weise ein Rückkehrer, ein alter Hase, also ein Verein, der dort einfach hingehört“, sagt Hensler. „Im gleichen Zuge darf man da aber nicht vergessen, dass wir das in einer neuen personellen Konstellation machen.“ Genau diese Mischung mache den Reiz aus. Tradition ohne Selbstzufriedenheit. Erfahrung ohne Routine.

Vollmer, dem der Verein zum 25-jährigen Jubiläum quasi den Wiederaufstieg schenkt, will zum 30. Jahrestag sagen können: „Jetzt sind wir richtig gut aufgestellt und können großzügig an die Sache rangehen.“ Oder, wie Milan Kvržić seine persönliche Hoffnung formuliert, wenn man in fünf Jahren auf diesen Moment zurückblickt: „Ich will sagen können, das war meine geilste Zeit.“

published on Thursday, August 13, 2026 at 11:20 AM; created by Holland, Christian
Last modification: 8/13/26, 11:06 AM