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Die Rückkehr einer großen Liebe: Der (Wieder-)Aufstieg der Roten Raben Vilsbiburg

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Manche Beziehungen brauchen keine großen Worte. Sie überstehen Krisen und Rückschläge. Als die Roten Raben Vilsbiburg im Sommer 2024 aus wirtschaftlichen Gründen ihre Bundesliga-Lizenz aufgaben und freiwillig in die 2. Bundesliga Pro zurückgingen, schien eine Ära endgültig vorbei. Der Klub, der einst den deutschen Frauenvolleyball prägte, verabschiedete sich von der größten Bühne. Zwei Jahre später ist klar: Es war kein Abschied für immer.

Mit der Meisterschaft in der Sparda 2. Liga Pro kehren die Roten Raben in der Saison 2026/27 zurück ins Volleyball-Oberhaus. Der Wiederaufstieg ist mehr als ein sportlicher Erfolg. Er steht für Geduld und nachhaltigen Aufbau. Gleichzeitig macht er deutlich, wie eng die Verbindung zwischen der DEKRA 1. Bundesliga Frauen und Vilsbiburg geblieben ist. Und er erzählt von einer Liebe zwischen einem Trainer und einem Verein, die selbst Jahre der Trennung nicht beenden konnten.


Die Freude über den Wiederaufstieg ist groß: Die Roten Raben Vilsbiburg kehren nach zwei Jahren in die DEKRA 1. Bundesliga Frauen zurück. (Foto: Sina Hammer)

Gallardo: Zurück mit „meinem Club“

Wenn Guillermo Gallardo über den Aufstieg spricht, drückt er immer wieder ein besonderes „Wir-Gefühl“ aus. „Die Herausforderung Aufstieg habe ich gerne angenommen. Ich freue mich sehr, zurück in der ersten Liga zu sein mit meinem Club.“ Es ist ein Satz, der viel über den 55-Jährigen verrät.

Gallardo ist längst mehr als nur der Trainer der Roten Raben. Zwischen 2007 und 2013 führte der Argentinier den Club zu zwei deutschen Meisterschaften und einem DVV-Pokalsieg. Nach Stationen bei anderen Bundesligisten sowie Engagements in der Schweiz, Spanien und Schweden kehrte er 2022 zunächst als Sportdirektor zurück. 2024 übernahm er erneut das Traineramt. Dass er irgendwann zurückkommen wollte, daraus macht er keinen Hehl. „Ich war viele Jahre unterwegs und wollte eigentlich immer zurück nach Vilsbiburg. Ich wusste nicht, ob mich noch einmal jemand anrufen würde. Aber ich habe meiner Frau immer gesagt: Hoffentlich bekommen wir irgendwann die Möglichkeit.“


Trainer Guillermo Gallardo prägte bereits die erfolgreichsten Jahre der Roten Raben Vilsbiburg und führte den Traditionsverein nun zurück in die DEKRA 1. Bundesliga Frauen. (Foto: Andreas Geisser)

Diese Möglichkeit kam und Gallardo brachte seine Frau und seine drei Kinder mit nach Niederbayern. „Ich fühle mich einfach wohl hier. Hoffentlich kann ich dem Verein noch lange helfen. Und selbst wenn nicht, wir bleiben in Niederbayern“, sagt der gebürtige Argentinier. Deutlicher lässt sich die Verbundenheit kaum ausdrücken.

Ein Rückschritt, der den Weg zum Fortschritt ebnet

Der freiwillige Rückzug aus der Bundesliga fühlte sich 2024 zunächst wie eine Niederlage an und wurde dann zum Fundament des Neuanfangs. Geschäftsführerin Sophia Girnghuber beschreibt die vergangenen beiden Jahre rückblickend als wichtige Aufbauphase. „Die zweite Liga hat uns die Möglichkeit gegeben, uns neu aufzustellen. Wir konnten alles so vorbereiten, dass wir jetzt stärker zurückkommen.“ Bevor der Aufstieg offiziell beschlossen wurde, suchte der Club das Gespräch mit seinen Sponsoren. „Wir wollten nur mit diesem Rückhalt hochgehen. Hätten unsere Partner gesagt, dass sie diesen Weg nicht mitgehen, wäre der Aufstieg nicht möglich gewesen.“ Die Antwort fiel eindeutig aus.

Ebenso eindeutig wie die Reaktion der Fans. „Viele haben gesagt, Vilsbiburg gehört in die Bundesliga“, sagt Girnghuber und Zuspielerin Pia Fernau ergänzt: „Man hat nur positives Feedback sowohl von den Fans als auch von allen anderen aus der Volleyballwelt mitbekommen. Und als Mannschaft war auch klar, dass wir von Anfang an alles dafür geben, dass wir hochgehen. Als es dann halt feststand, war natürlich die Erleichterung da, aber auch super viel Stolz.“

Gallardo formuliert es noch klarer. „Sportlich gehört Vilsbiburg ohne Zweifel in die Bundesliga. Wir haben eine fantastische Infrastruktur, hervorragende Bedingungen und ein starkes Trainerteam. Natürlich spielt Geld immer eine Rolle. Aber organisatorisch sind wir bereit.“

Auch VBL-Geschäftsführerin Kim Oszvald-Renkema sieht den Wiederaufstieg als Gewinn für die Liga: „Mit den Roten Raben kehrt ein Verein zurück, der den deutschen Frauenvolleyball über viele Jahre geprägt hat. Vilsbiburg steht für Kontinuität, hervorragende Nachwuchsarbeit und eine besondere Volleyballkultur. Solche Standorte sind ein wichtiger Teil der Identität der Volleyball Bundesliga.“

Gallardo: „Mit Niederlagen gut umgehen, wenn man alles gibt“

Wer die Geschichte der Roten Raben kennt, denkt automatisch an Meisterschaften, Pokalsiege und europäische Abende. Der letzte große Titel stammt aus dem Jahr 2014, als Vilsbiburg den DVV-Pokal gewann. Heute setzt der Club andere Prioritäten. Als sich Girnghuber, Fernau und Gallardo zum Interview versammeln, spricht niemand über Titel. Niemand fordert Playoffs oder Medaillen. Das wichtigste Ziel lautet zunächst: bleiben.

„Wir wollen uns gesund etablieren“, sagt Girnghuber. „Früher hieß es oft: Wir müssen wieder Titel holen. Das ist heute nicht mehr unser Ansatz.“ Auch Gallardo denkt nicht in Tabellenplätzen. Er spricht lieber über Entwicklung. Über Spielerinnen, die lernen müssen, noch professioneller zu arbeiten. Über eine Mannschaft, die zusammenwachsen soll und über Fans, die genau dieses Wachstum begleiten. „Man kann auch mit Niederlagen gut umgehen, wenn die Mannschaft alles gibt“, sagt er. „Die Menschen hier identifizieren sich mit einer Mannschaft, die um jeden Ball kämpft. Erfolg ist nicht selbstverständlich. Erfolg ist ein Prozess.“

Dass die Roten Raben bald wieder in der DEKRA 1. Bundesliga Frauen spielen, hat auch viel mit ihrer Nachwuchsarbeit zu tun. Das vereinseigene Internat wurde in den Jahren nach dem Rückzug noch wichtiger. Talente bekamen Spielzeit, entwickelten sich weiter und schafften nun gemeinsam den Sprung in die Bundesliga. „Das ist eine tolle Belohnung für unsere Arbeit“, sagt Girnghuber.

Pia Fernau: „Will weiterhin Führungsspielerin sein“

Eine der Führungsspielerinnen dieser neuen Mannschaft ist Pia Fernau, die in der Aufstiegssaison bereits eine wichtige Rolle einnahm. Sie bringt Oberhaus-Erfahrung vom SSC Palmberg Schwerin und dem USC Münster mit, sieht sich selbst jedoch längst nicht als alten Hasen. „Ich sehe mich als Neuling, ganz klar. Ich glaube, in diesem Jahr, wo ich nicht da war oder auch in den zwei Jahren, in denen Vilsbiburg nicht in der Volleyball Bundesliga gespielt hat, hat sich schon viel geändert. Die Liga ist im Wandel und wenn man dann ein oder zwei Saisons gar nicht wirklich damit in Berührung war, dann sind auch die Gefühle ganz frisch, wenn man wieder hochgeht.“

Die 23 Jahre alte Zuspielerin will ihre Bundesliga-Erfahrung nun weitergeben. „Ich will weiterhin eine Führungsspielerin sein und gerade den Spielerinnen helfen, für die die erste Liga neu ist“, sagt sie. Gleichzeitig sieht auch sie den Aufstieg nicht als Rückkehr in alte Zeiten und stellt noch einmal klar: „Die Liga hat sich verändert. Für uns ist das ein Neuanfang.“

Sie erinnert sich an die Heimspiele der vergangenen Saison. „Den Fans mit jedem Heimsieg etwas zurückzugeben, das hat mich besonders stolz gemacht. Ich meine, die kommen immer zahlreich in die Halle und unterstützen uns da auch lautstark. Das macht echt viel aus und zwar nicht nur während des Spiels, sondern auch daneben und davor und danach."


Zuspielerin Pia Fernau möchte ihre Bundesliga-Erfahrung einbringen und den Neuanfang der Roten Raben Vilsbiburg mitgestalten. (Foto: Hermann Boxleitner)

Ein wichtiger Gedanke, der die Roten Raben Vilsbiburg treffend beschreibt. Der Verein definiert sich heute weniger über Titel als über Identifikation. Gallardo weiß: „Ich mache diesen Beruf seit 33 Jahren und ich sage immer dasselbe. Spieler zu verpflichten ist einfach, Spieler zu formen ist eine Herausforderung. Da ist immer die Frage, wie stark werden wir als Mannschaft zusammenwachsen. Und das entscheidet im Volleyball bei den Frauen, und das sage ich ohne Zweifel, am Ende drei, vier Positionen in der Tabelle rauf oder runter.“

Obwohl die Vereinsstruktur hinsichtlich Geschäftsstelle, Organisation und Umfeld numerisch zu großen Teilen gleichgeblieben ist, fühlt es sich auch für Sophia Girnghuber wie etwas ganz Neues an: „Auch wenn die Infrastruktur geblieben ist, sind da einige neue Personen beteiligt. Und für die ist das jetzt wieder die erste Erstliga-Erfahrung. Von daher schütteln wir jetzt nicht alles einfach aus dem Ärmel.“ Auch Gallardo, dessen grundsätzlicher Anspruch es ist, auf höchstem Niveau zu trainieren, nimmt ein paar Anpassungen vor: „In der ersten Liga betrifft das vor allem den Trainingsumfang. Wie viele Stunden kann man trainieren? Vormittag, Nachmittag, Krafttraining, das gehört alles dazu. Die Intensität ist natürlich eine andere. Wir haben aber auch in den letzten Jahren vieles gemacht, als wären wir Bundesliga.“

Keine Rückkehr in die Vergangenheit

Gerade darin liegt die eigentliche Stärke dieses Aufstiegs. Die Roten Raben versuchen nicht, die goldenen Jahre zu kopieren. Sie wollen etwas Neues aufbauen. Mit wirtschaftlicher Vernunft und einer Mannschaft, die Raum für Entwicklung hat. Und auch mit Fans, die Geduld mitbringen. Dazu ein Trainer, der seine sportliche Heimat wiedergefunden hat. Sophia Girnghuber bringt es auf den Punkt: „In fünf Jahren hoffe ich und ich glaube, das hoffen wir alle, haben wir uns etabliert und sind auch konstant in der Führung, im Trainerteam und im Spielerteam.“

Der Wiederaufstieg der Roten Raben ist deshalb keine Rückkehr in die Vergangenheit. Er markiert den Beginn eines neuen Kapitels, wirtschaftlich vorsichtiger, sportlich geduldiger und doch mit derselben Leidenschaft, die den Verein über Jahrzehnte ausgezeichnet hat. Dass Guillermo Gallardo den Weg seiner „großen Liebe“ begleitet, ist folgerichtig. Ob daraus in einigen Jahren wieder Titel entstehen, weiß heute niemand. Sicher ist nur: Die Roten Raben sind zurück. Nicht als Kopie ihrer erfolgreichen Vergangenheit, sondern als Verein mit einer Geschichte, die gerade erst beginnt.

published on Wednesday, August 5, 2026 at 10:54 AM; created by Dörfler, Josephine
Last modification: 8/5/26, 10:54 AM