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Seitenwechsel: „Durch das Pfeifen ist man aktiver Teil des schönsten Sports der Welt“

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Sekundenbruchteile entscheiden, und manchmal sind Tausende in der Halle überzeugt, es besser gesehen zu haben. Für eine Schiedsrichterin bedeutet das, Verantwortung zu übernehmen, Fehler auszuhalten und der eigenen Wahrnehmung zu vertrauen. In unserer Serie "Seitenwechsel - Die Frauen hinter den Entscheidungen" wollen wir mit Kurzinterviews etwas tiefer in die Gedanken und Gefühle der Unparteiischen blicken. Das zweite Interview haben wir mit Bettina Klösch geführt.

Ist Pfeifen besser als Spielen?

Ich bin mir sehr sicher, dass ich nicht als Schiedsrichter pfeifen würde, wenn ich nicht selbst als Spielerin aktiv gewesen wäre. Meine Volleyball-Karriere begann, familiär bedingt, früh. Alle meine drei großen Geschwister spielten Volleyball. So war für mich früh klar, das will ich auch!  Rückblickend betrachtet, begleitet mich der Volleyballsport nun schon seit knapp 28 Jahren. In all den Jahren habe ich keine andere Sportart ausprobiert, weil ich jeden Tag neu von ihr fasziniert bin. Sie entwickelt sich stets weiter und erhält immer wieder neuen Input. Auch heute noch gehe ich regelmäßig ins Hallentraining und spiele zudem Beachvolleyball auf Freizeit-Ebene. Es ist in den 28 Jahren keine Saison (außer schwangerschaftsbedingt) vergangen, in der ich nicht bei mindestens zwei oder mehr Spielen aktiv war. Seitdem ich Mutter bin, liegt der Fokus aber hauptsächlich auf dem Pfeifen. Angefangen mit 16 Jahren ging es von der D-Lizenz über die C-Lizenz zur ersten Bayernliga-Saison als Pflicht-Schiedsrichterin für meinen Verein im Jahr 2012. Ab da ging es dann richtig los und schnell weiter in höhere Ligen. Volleyball ist neben meiner Familie (mein Mann und ich sind beide dem Volleyballsport verfallen) meine größte Leidenschaft. Durch das Pfeifen ist man aktiv Teil des schönsten Sports der Welt. Unabhängig des Alters und der körperlichen Fähigkeiten. Natürlich ist es für mich auch wichtig, physisch fit zu sein. Aber als Schiedsrichterin interessiert es keinen, wie hoch man springt oder wie schnell man in Japanläufen unterwegs ist. Außerdem habe ich als Schiedsrichterin weiterhin alle Möglichkeiten, mich auch persönlich weiterzuentwickeln.

Hast du einen besonderen Gerechtigkeitssinn?

Ich habe einen Gerechtigkeitssinn, aber ob dieser besonders ist, mag ich bezweifeln. Für mich ist es wichtig, Regeln anzuwenden und durchzusetzen. Für mich ist es aber ebenfalls wichtig, das Drumherum und das große Ganze zu bewerten, und mich auf die Situation einzulassen, um folglich einschätzen zu können, wie und in welcher Form ich Regeln durchsetzen will.


Schiedsrichterin Bettina Klösch hat gelernt, sich immer auf den aktuellen Ballwechsel zu fokussieren und nicht mit vergangenen Entscheidungen zu hadern.
(Foto: Sebastian Schmidt)

Was ist der schwerste Moment während eines Spiels?

Für mich persönlich ist der schwerste Moment in einem Spiel, wenn ich selbst merke, dass die Entscheidung, die ich getroffen habe, die falsche war. Am Anfang meiner Karriere haben mich solche Fehlentscheidungen manchmal Punkte, wenn nicht sogar Sätze, lang begleitet. Immer wieder bin ich die Situation im Kopf durchgegangen und habe mich geärgert, warum ich nicht richtig oder anders entschieden habe. Je länger ich als Schiedsrichterin aktiv bin, desto mehr schaffe ich es, solche Denkweisen abzuhaken und mich auf die Gegenwart zu konzentrieren. Ich bin ein sehr selbstreflektierter, selbstkritischer und ehrgeiziger Mensch, aber es ist wichtig, sich in solchen Situationen nicht ablenken zu lassen, sondern den Fokus auf dem aktuellen Ballwechsel zu haben, der gerade gespielt wird. Nach dem Spiel kann man analysieren und hinterfragen, was man hätte besser machen können. Das ist für mich ein ganz persönlicher Weiterentwicklungsprozess, der nur durch mehr Spiele und somit steigender Erfahrung vonstattengehen kann.

Was lernst du als Schiedsrichterin über Menschen?

Für mich als Mensch ist es in einem Bundesliga-Spiel enorm wichtig, als Team zu agieren. Die Entscheidungsfindung ist in einigen Situationen sehr schwer und erfordert sehr viel Übersicht, Weitsicht und Fingerspitzengefühl, sodass man sie oft nicht allein treffen kann, sondern auf Hilfe der anderen Beteiligten angewiesen ist. Deshalb ist es umso wichtiger, dass alle Kollegen an einem Strang ziehen und sich gegenseitig unterstützen, um am Ende die bestmögliche Schiedsrichterleistung abzuliefern.

Gibt es eine Entscheidung oder Fehlentscheidung, die dich bis heute begleitet?

Ich kann mich an eine Fehlentscheidung besonders erinnern. Ich war 1. Schiedsrichterin und mein Kollege hatte sein erstes Spiel als Schiedsrichter in der Bundesliga. Ich habe einen Übergriff der Mittelblockerin nicht abgepfiffen, obwohl mir danach ziemlich schnell klar war, dass dies vermutlich die richtige Entscheidung gewesen wäre. Die Situation ist mir deshalb so in Erinnerung, weil ich, wie bereits beschrieben, die nächsten Ballwechsel lang sehr viel an diesen nicht gepfiffenen Übergriff gedacht habe und mir dadurch in der Folge noch weitere Unsicherheiten und Fehler passiert sind. Manche waren mir im Spiel gar nicht richtig bewusst, weil ich so mit der vorherigen Situation beschäftigt war, bis mich der Schiedsrichter-Beobachter nach dem Spiel darauf hingewiesen hat.

Was hat das Pfeifen mit dem Leben zu tun?

Für mich ist das Pfeifen eine Möglichkeit, meine eigenen Fähigkeiten in einem spezialisierten Gebiet weiterzuentwickeln. Ich tausche mich regelmäßig mit meinen Schiedsrichter-Kolleginnen und -Kollegen aus und verbringe Zeit mit Menschen, die die gleiche Leidenschaft und Liebe für den Volleyballsport haben. Ich habe Menschen kennengelernt, die mich nicht nur als Kollegin oder Kollege durch mein Leben begleiten, sondern die auch privat ein fester Bestandteil meines Lebens geworden sind. Außerdem heißt Pfeifen für mich, als Vorbild für meine Kinder voranzugehen. Einem Hobby, einer Leidenschaft nachzugehen, Zeit zu investieren, stets dranzubleiben, nicht zu schnell aufzugeben, auch wenn es mal schwierige Situationen zu meistern gilt.

Wie gehst du damit um, wenn alle protestieren, du aber sicher bist: Ich habe es genau gesehen?

Mit dieser Situation wiederum kann ich sehr gut umgehen. Wenn ich mir selbst sicher war, dass ich das Richtige gesehen und entschieden habe, dann kann ich persönlich gut darüber hinwegsehen, wenn protestiert wird. Natürlich nur in einem gewissen Rahmen. In jedem Spiel gibt es Emotionen, sonst wäre es auch langweilig, jeder will gewinnen und jeden Punkt für sich entscheiden. Das ist mir und jedem Schiedsrichter und jeder Schiedsrichterin bewusst. Hier kommt es auf Fingerspitzengefühl an. Wie viel Protest lasse ich zu? Wie versuche ich, die Mannschaften einzufangen und wieder Energie aus der Situation herauszunehmen? Ich bin ein großer Freund davon, erstmal mit Worten, Blicken oder kleinen Gesten deeskalierend zu wirken, bevor ich die Karten raushole. Natürlich gibt es immer wieder Spielsituationen oder Reaktionen, die keinen Spielraum lassen und nur mit Karte zu lösen sind.


Bettina Klösch sieht emotionalere Reaktionen und schnelleres Spiel bei einem Männerspiel.
(Foto: Steffen Eirich)

Ist es ein Unterschied, Männer- oder Frauenspiele zu leiten?

Ich würde sagen ja und nein. Ja, weil die Geschwindigkeit bei den Männern einfach viel höher ist und Männer meistens sehr viel emotionaler reagieren. Nicht hauptsächlich dem Schiedsgericht gegenüber, sondern vielmehr als Trash-Talk unter dem Netz zum Gegner. Aber auch nein, weil für mich jedes Spiel gleich ist. Egal ob Männer oder Frauen, 1. Liga oder 2. Liga oder alles darunter. Ich will immer bestmöglich meine Kollegen unterstützen, als Team gut zusammenarbeiten, um am Ende die beste Leistung des Schiedsgerichts abzurufen.

Erlebst du gelegentlich Vorbehalte, wenn du ein Männerspiel leitest?

Ich würde lügen, wenn ich noch nie einen Spruch wie „Oh, kommen heute zwei Frauen zum Pfeifen?“ gehört hätte. Aber ich versuche, das nicht immer gleich als negativ aufzufassen. Ja, wir Frauen sind in der Minderheit und ja, es ist selten, dass dann direkt zwei Frauen zusammen als Schiedsgericht angesetzt sind. Aber wenn man es Vorbehalte nennen will, kann ich das jetzt nicht gezielt auf Männerspiele eingrenzen. Das ist eher eine allgemeine Sache. Ich bin mir aber auch dessen bewusst, dass ich als Frau gegenüber Männern (Spielern oder Trainern) auch den ein oder anderen Vorteil habe. Manchmal hilft auch einfach ein nettes Lächeln, um eine Situation zu entschärfen. Aber grundsätzlich würde ich aus eigener Erfahrung sagen, es kommt den Mannschaften oder Trainern nicht auf das Geschlecht der Schiedsrichter:innen, sondern eher auf Konsistenz in der Entscheidungsfindung, Fairness und gegenseitigen Respekt an. Wenn sie wissen, was sie erwartet und wie die Schiedsrichterin in der ein oder anderen Situation reagiert oder agiert, ist ihnen das viel wichtiger als das Geschlecht.

Zur Person:  Bettina Klösch

Bettina Klösch ist 35 Jahre alt und lebt in Erlangen in Bayern. Seit 2018 ist sie als Schiedsrichterin in der Volleyball Bundesliga aktiv und hat bislang 103 Bundesliga-Spiele geleitet. Hauptberuflich forscht sie an der Uniklinik Erlangen zu Behandlungsmethoden in der Krebstherapie.

published on Friday, October 2, 2026 at 10:41 AM; created by Holland, Christian
Last modification: 10/2/26, 10:28 AM