„Man kann nur das pfeifen, was man gesehen hat“
Sekundenbruchteile entscheiden, und manchmal sind Tausende in der Halle überzeugt, es besser gesehen zu haben. Für eine Schiedsrichterin bedeutet das, Verantwortung zu übernehmen, Fehler auszuhalten und der eigenen Wahrnehmung zu vertrauen. In unserer Serie „Seitenwechsel: Die Frauen hinter den Entscheidungen“ wollen wir mit Kurzinterviews etwas tiefer in die Gedanken und Gefühle der Unparteiischen blicken. Den Start macht Theresa Rottmann aus Werne.
Ist Pfeifen besser als Spielen?
Ich habe als Spielerin angefangen und spiele weiterhin noch aktiv. Von daher sind das meine Wurzeln im Volleyballsport. Das Pfeifen kam dann früh mit 18 dazu und wurde zum liebgewonnenen Hobby neben dem Spielen. Beides macht mir sehr viel Spaß und solange es geht, werde ich auch beides machen. Gewinnen und verlieren gehört zum Sport dazu, das fehlt manchmal als Schiedsrichterin.
Hast du einen besonderen Gerechtigkeitssinn?
Ich denke nicht, dass ein Schiedsrichter oder eine Schiedsrichterin einen besonders ausgeprägten Gerechtigkeitssinn braucht. Oder anders: Schiedsrichter sind aus meiner Sicht nicht gerechter als andere Menschen. Es obliegt der Funktion, Entscheidungen zu treffen. Diese sollten immer neutralen und objektiven Maßstäben, in diesem Fall dem Regel- und Ordnungswerk, folgen. Schiedsrichter, die versuchen, einen angenommen ungerechten Spielverlauf mit entsprechenden Entscheidungen „gerechter“ zu gestalten, werden damit auf lange Sicht keinen Erfolg haben.

Grundschullehrerin Theresa Rottmann leitet bereits seit 2013 Spiele der Männer und Frauen in der Volleyball Bundesliga.
(Foto: Jens Körner)
Was ist der schwerste Moment während eines Spiels?
Wenn man merkt, dass die Teams einem nicht mehr vertrauen. Auch als Schiedsrichter kann es Tage geben, an denen man keinen so guten Tag erwischt und unglückliche oder sogar falsche Entscheidungen trifft. Natürlich merkt man das als Schiedsrichter auch selbst. Das ist dann eine durchaus schwere Situation. Da muss man dann aber leider durch.
Was lernst du als Schiedsrichterin über Menschen?
Zum Beispiel, dass Frauen in Führungspositionen nach wie vor nicht vorbehaltlos akzeptiert werden – insbesondere nicht vom „stärkeren“ Geschlecht. Da erlebt man nach wie vor Situationen, in denen man dann leise in sich hinein lächelt und denkt: Oh, Mann! Das in der heutigen Zeit.
Gibt es eine Entscheidung oder Fehlentscheidung, die dich bis heute begleitet?
Natürlich gibt es immer wieder auch mal Entscheidungen, die man im Nachhinein gern anders getroffen hätte. Und klar, da ärgert man sich auch im Nachgang dann noch länger drüber. Aber im Spiel sollte man versuchen, Fehlentscheidungen nicht nachzuhängen. Das sorgt oft dafür, dass die Konzentration leidet, was wiederum weitere Fehler nach sich ziehen kann. Von daher, Fehler im Spiel möglichst sofort abhaken, weitermachen und dann nach dem Spiel reflektieren, wie man es künftig besser machen kann.
Was hat das Pfeifen mit dem Leben zu tun?
Unmittelbar sicher eher wenig, aber mittelbar auf jeden Fall. Man lernt, unter Zeitdruck Entscheidungen zu treffen. Außerdem steigt das Selbstvertrauen und der Glaube an sich selbst, wenn man merkt oder auch widergespiegelt bekommt, dass die Leistung gut oder sehr gut war.

Theresa Rottmann steht ebenso zu unpopulären Entscheidungen wie zu Fehlern.
(Foto: Andreas Steindl)
Wie gehst du damit um, wenn alle protestieren, du aber sicher bist: Ich habe es genau gesehen?
Augen zu und durch. Man kann nur das pfeifen, was man gesehen hat. Wenn man zu seinen Fehlern steht und das auch durch Mimik und Gestik artikuliert, verzeihen das die Teams und die Zuschauer in der Regel auch meist. Natürlich ist es nicht schön, wenn Hunderte oder in manchen Hallen sogar Tausende Fans offenkundig mit der getroffenen Entscheidung unzufrieden sind, aber das gehört zum Job dazu.
Ist es ein Unterschied, Männer- oder Frauenspiele zu leiten?
Ja, schon. Männerspiele sind normalerweise schneller und auch von den Emotionen her intensiver. Dennoch pfeife ich sowohl Männer- als auch Frauenspiele gleichermaßen gern. Bei Frauenspielen ist oft mehr Action auf dem Feld, weil die Spielzüge länger und auch oft spektakulär sind.
Erlebst du gelegentlich Vorbehalte, wenn du ein Männerspiel leitest?
Das passiert nicht oft, aber es kommt schon auch immer noch vor, ja. Es gab schon Kommentare, dass Frauen besser keine Männerspiele leiten sollten oder wenn dann besser nur mit Linienrichtern, weil Männerspiele ja deutlich schneller seien. Wenn man die Halle gemeinsam mit einem männlichen Schiedsrichterkollegen betritt, kommt es mitunter auch immer noch vor, dass der Mann automatisch als Hauptschiedsrichter wahrgenommen wird. Da wir mittlerweile aber sehr häufig gemischtgeschlechtliche Ansetzungen haben, werden diese antiquierten Vorbehalte deutlich seltener.
Zur Person: Theresa Rottmann
Theresa Rottmann ist 37 Jahre alt und lebt in Werne in Nordrhein-Westfalen. Die Grundschullehrerin ist seit 2013 als Schiedsrichterin in der Volleyball-Bundesliga aktiv und hat bislang 264 Bundesliga-Spiele geleitet.
published on Friday, September 18, 2026 at 2:04 PM; created by Holland, Christian
Last modification: 9/18/26, 1:00 PM