MVP Christian Dünnes - VBL

Christian Dünnes (Haching) wird als MVP der Saison 2011/12 geehrt

Wer übernimmt die Führung? Wer hat die stärkeren Nerven? Wer kommt mit dem ungeheuren Druck besser klar? Vor dem dritten Play-off-Finalspiel der Männer-Bundesliga am Samstagabend ab 19.30 Uhr (GENERALI Sportarena) zwischen Generali Haching und den Berlin Recycling Volleys knistert es mächtig.Die ersten beiden Duelle hätten unterschiedlicher nicht sein können: Glattes 3:0 für Haching, glattes 3:0 für Berlin. Eine Prognose wäre ein gewagtes Unterfangen.

Dieser Dienstagabend in Berlin, dieser Auftritt vor 6385 Zuschauern in der Schmeling-Halle, er war ein kleiner Schock. Nicht die 0:3-Niederlage gegen die BR Volleys allein, es war die Art, wie Generali Haching unterging. Diese Form der Niederlage zeichnete harte Spuren ins Gesicht von Trainer Mihai Paduretu. Noch 15 Minuten nach der 16:25, 13:25, 23:25-Klatsche sah sein Gesicht aus wie gemeißelt. Starr der Blick, starr die Miene. Sein wichtigster Spieler redete natürlich nicht von einem kleinen Schock. Diagonalangreifer Christian Dünnes sagte: "Wir haben wirklich schlecht gespielt." Und dann: "Ich habe auch schlecht gespielt." Aber es kommt aufs Gleiche heraus.


MVP der Saison 2011/2012: Christian Dünnes | Foto: DVL

Ausgerechnet Dünnes, ausgerechnet der Mann, der sonst zu den zuverlässigsten Leistungsträgern bei Generali Haching gehört. Der mit sieben Gold- und einer Silbermedaille uneinholbar das MVP-Ranking der Deutschen Volleyball-Liga anführt und dafür am Samstagabend vor sicher ausverkauftem Haus in der GENERALI Sportarena ausgezeichnet wird.

Aber der wertvollste Spieler der Saison war am Dienstag so instabil wie seine Kollegen. Beispiel erster Satz: Dünnes erzielte seinen ersten Punkt, er verkürzte den Rückstand von Haching auf 3:6. Aber unmittelbar danach hämmerte er seine Sprungaufgabe ins Netz. Beispiel zweiter Satz: Dünnes schlug souverän ins Berliner Feld, damit führten die Volleys nur noch 5:4. Aber schon die nächste Aktion ging schief. Dünnes knallte seine Sprungaufgabe wieder ins Netz. Und beim 22:19 für die Volleys im dritten Satz wieder. "Da habe ich zum ersten mal gedacht, dass wir dieses Spiel verlieren könnten", sagt der 27-Jährige. Ein paar Minuten später war es soweit.

Doch Dünnes ist nicht der Mann, den so eine Niederlage aus der Bahn wirft. Abgehakt, die Niederlage, es geht weiter. Dass Kaweh Niroomand, der Manager der Volleys, die Hachinger trotzdem weiterhin als "klaren Favoriten" bezeichnet, das ist für Dünnes nichts als das übliche taktische Spielchen. "Diese Rolle wird uns angedichtet, aber das ist Blödsinn." Soll bloß keiner glauben, die Hachinger würden die Berliner unterschätzen. "Jeder, der das machen würde, wäre ja bescheuert", sagt er. Mag ja sein, dass die Volleys in der Normalrunde sieben Niederlagen erlitten haben. "Aber wer Friedrichshafen rauswirft, der ist stark." Für Dünnes waren Friedrichshafen, die Volleys und Haching die ganze Zeit auf Augenhöhe. Er überhöht Haching nicht, das bedeutet aber zugleich, dass er jetzt nicht demütig vor der grandiosen Berliner Kulisse steht. 6385 jubelnde Zuschauer? Na und? "Als wir im Dezember in Berlin 3:0 gewonnen haben, waren auch 4500 Zuschauer da. Das imponiert uns nicht besonders."

Das imponiert ihm nicht besonders, so ist es wohl ganz korrekt ausgedrückt. Für Trainer Paduretu besitzt die Atmosphäre von Berlin den Stellenwert "eines Tsunami". Vermutlich hatte schon der eine oder andere Generali-Spieler Respekt vor dieser Kulisse von mehr als 6000 wild trommelnden, wild schreienden, wild klatschenden Fans.
Dass Dünnes keinen Respekt hat, das darf man ihm allerdings sofort glauben. Er hat vier Jahre in Italien gespielt, in Piacenza, bis 2009. Danach wechselte er nach Düren. "In Italien sind bei Heimspielen eigentlich immer 3000 Zuschauer da", sagt er. "Und die Stimmung ist auch immer gut." Vor allem aber hatte er in Italien Wettkampfhärte gelernt, ein Punkt, der jetzt Haching sehr zugute kommt. "Dort muss man immer ans Maximum gehen", sagt Dünnes. "Du spielst ständig gegen Topmannschaften, Du kannst immer verlieren, ob zu Hause oder auswärts." Unter diesem Druck lernte er auch, dass man nie aufgeben darf. Dünnes hat es doch selber dramatisch erfahren, was es bedeutet, bis zur letzten Sekunde hochkonzentriert zu sein. Im Finale um die italienische Meisterschaft traf Piacenza 2009 auf das Weltklasseteam Trentino. Nach vier Partien stand es 2:2, aber Piacenza musste im fünften Spiel auswärts antreten. Trento stand kurz vor dem Sieg, aber Piacenza drehte noch das Spiel und gewann 3:2. So war das mit der Wettkampfhärte in Italien. "Das bereitet einen sehr gut auf die Play-offs in Deutschland vor", sagt Dünnes, der Mann, der einen Bachelor-Abschluss in Wirtschaftswissenschaften besitzt.

Es bereitet ihn sehr gut darauf vor, solche Spiele wie am vergangenen Dienstag in Berlin abzuhaken. In der Normalrunde der Bundesliga, da benötigt er diese Wettkampfhärte nicht unbedingt. Zumindest nicht gegen schwächere Gegner. "Bei denen kann man auch mal pausieren, wenn man angeschlagen ist, bei denen gewinnt man, auch wenn man nicht immer in Topform ist." Dünnes konstatiert das ganz einfach, es meint es nicht respektlos. Es ist ja auch die klassische Wahrheit. Dünnes ist andererseits auch durchaus selbstkritisch, in Bezug auf sein Team in diesem Fall: "Wir haben in der Normalrunde in Friedrichshafen zwar 3:2 gewonnen, aber wir hätten eigentlich 2:3 verlieren müssen." Doch das zeichnet halt ein Spitzenteam wie Haching aus. Dieser Erfolg basiert auf dem Gedanken, den Dünnes verinnerlicht hat: Man darf nie aufgeben.

Seit dieser Saison spielt er für Haching, für den Klub ist er ein enormer Gewinn. "Ich fühle mich wohl bei dem Verein", sagt er. "Hier habe ich alles, was ich brauche. Aber natürlich wird einem nichts geschenkt." Und dass es in Unterhaching eher familiär zugeht, das kommt dem 2,08 Meter großen Diagonalangreifer entgegen.

Seine Verpflichtung hat ja immerhin auch dazu geführt, dass ein prominenter Profi Haching verlassen hat. Paul Carroll, immerhin zum wertvollsten Spieler der Saison 2010/2011 gewählt, wollte sich einen internen Konkurrenzkampf mit Dünnes nicht antun. Er wechselte zu den Volleys. Und am Dienstag überzeugte der Australier mit starken Angriffsbällen. Und in einem Punkt hat er gegenüber Dünnes einen kleinen, symbolischen, Vorteil. In Haching gab es Fans, die Carrolls Gesicht und seinen Namen auf T-Shirts hatten drucken lassen. Dünnes ist mit Sicherheit so stark wie Carroll, "aber meinen Namen", sagt der 27-Jährige, "habe ich hier noch nicht auf T-Shirts gesehen." Es klingt nicht so, als würde es ihn groß stören.